chucks in the sand

1. Joseph von Eichendorff: Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

 

2. Theodor Fontane: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit,

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er:"Junge, wiste 'ne Beer?"

Und kam ein Mädel, so rief er:"Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."

So ging es viele Jahre, bis lobesam

Der Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit,

Da sagte von Ribbeck:"Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab."

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,

Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht

sangen:"Jesus meine Zuversicht",

Und die Kinder klagten, das Herze schwer:

"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,

Ach sie kannten den alten Ribbeck schlecht,

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.

Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Misstrauen gegen den eigenen Sohn,

Der wusste genau, was damals er tat,

Als um eine Birn ins Grabe er bat,

Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus

Ein Birnbaumsprössling sprosst heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in goldener Herbsteszeit

Leuchtet's wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,

So flüstert's im Baume:"Wist 'ne Beer?"

Und kommt ein Mädel, so flüstert's:"Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew di 'ne Birn."

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

3. Rainer Maria Rilke: Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf - Dann geht ein Bild hinein,

und hört im Herzen auf zu sein.

4. Erich Fried: Was es ist

Es ist Unsinn

sagt die Vernunft

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist Unglück

sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz

sagt die Angst

Es ist aussichtslos

sagt die Einsicht

Es ist was es ist

sagt die Liebe

Es ist lächerlich

sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig

sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist

sagt die Liebe

5. Johann Wolfgang Goethe: Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm,

Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?-

Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?-

Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.-

"Du liebes Kind, komm, geh mit mir!

Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;

Manch bunte Blumen sind an dem Strand,

Meine Mutter hat manch gülden Gewand."

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

was Erlenkönig mir leise verspricht?-

Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

In dürren Blättern säuselt der Wind.-

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?

Meine Töchter sollen dich warten schön;

Meine Töchter führen den nächtlichen Reih'n

Und wiegen und tanzen und singen dich ein."

Mein Vater, mein Vater, siehst du nicht dort

Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?-

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:

Es scheinen die alten Weiden so grau.-

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."

Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!

Erlkönig hat mir ein Leids getan!-

Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,

Er hält in den Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Mühe und Not;

In seinen Armen das Kind war tot.

6.Paul Celan: Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends

wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts

wir trinken und trinken

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit Schlangen der schreibt

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei

er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde

er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends

wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt

der schreibt wenn es dunklt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete

Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt

er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts, seine Augen sind blau

stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends

wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland

er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft

dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland

wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau

er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete

er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft

er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith

7. Johann Wolfgang Goethe: Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,

Mit Wolkendunst!

Und übe, Knaben gleich,

Der Disteln köpft,

An Eichen dich und Bergeshöhn!

Mußt mir meine Erde

Doch lassen stehn,

Und meine Hütte,

Die du nicht gebaut,

Und meinen Herd,

Um dessen Glut

Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres

Unter der Sonn als euch Götter.

Ihr nähret kümmerlich

von Opfersteuern

Und Gebetshauch

Eure Majestät

Und darbetet, wären

Nicht Kinder und Bettler

Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,

Nicht wusste, wo aus, wo ein,

Kehrte mein verirrtes Aug

Zur Sonne, als wenn drüber wär

Ein Ohr zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider

Der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

von Sklaverei?

Hast du's nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Hat nicht mich zum Manne geschmiedet

Die allmächtige Zeit

Und das ewige Schicksal,

Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,

Ich sollte das Leben hassen,

In Wüsten fliehn,

Weil nicht alle Knabenmorgen-

Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen

Nach meinem Bilde,

Ein Geschlecht, das mir gleich sei,

Zu leiden, weinen,

Genießen und zu freuen sich,

Und dein nicht zu achten,

Wie ich.

8. Theodor Fontane: John Maynard

John Maynard!

"Wer ist Maynard?"

"John Maynard war unser Steuermann,

Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard."

Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee,

Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,

Von Detroit fliegt sie nach Buffalo-

Die Herzen aber sind frei und froh,

Und die Passagiere mit Kindern und Fraun

Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,

Und plaudernd an John Maynard heran

Tritt alles:"Wie weit noch, Steuermann;"

Der schaut nach vorn und schaut in die Rund';

"Noch dreißig Minuten...Halbe Stund!"

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei-

Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei,

"Feuer!" war es, was da klang,

Ein Qualm aus Kajüt' und Luke drang,

Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,

Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.-

Und die Passagiere, buntgemengt,

Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,

Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,

Am Steuer aber lagert sich's dicht,

Und ein Jammern wird laut:"Wo sind wir? wo?"

Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.-

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,

Der Kapitän nach dem Steuer späht,

Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,

Aber durchs Sprachrohr fragt er an:

"Noch da, John Maynard?"

"Ja, Herr. Ich bin."

"Auf den Strand! In die Brandung!"

"Ich halte drauf hin."

Und das Schiffsvolk jubelt:"Halt aus! Hallo!"

Und noch zehn Minuten bis Buffalo:-

"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's:

Mit ersterbender Stimme:"Ja, Herr ich halt's!"

Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,

Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.

Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: Der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.

Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n

Himmelan aus Kirchen und Kapell'n,

Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,

Ein Dienst nur, den sie heute hat;

Zehntausend folgen oder mehr,

Und kein Aug' im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

Mit Blumen schließen sie das Grab,

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein

Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand

Hielt er das Steuer fest in der Hand,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron',

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard."

9. Hermann Hesse: Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den andern,

Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war,

Nun, da der Nebel fällt,

Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

Jeder ist allein.

10. Joachim Ringelnatz: Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,

die wollten nach Australien reisen.

Bei Altona, auf der Chaussee,

da taten ihnen die Beine weh,

und da verzichteten sie weise

dann auf den letzten Teil der Reise.

11. Heinz Erhardt: Die Made

Hinter eines Baumes Rinde

wohnt die Made mit dem Kinde.

Sie ist Witwe, denn der Gatte,

den sie hatte, fiel vom Blatte.

Diente so auf diese Weise

einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:

"Liebes Kind, ich sehe grade,

drüben gibt es frischen Kohl,

den ich hol'. So leb denn wohl.

Halt! Noch eins, denk, was geschah,

geh nicht aus, denk an Papa!"

Also sprach sie und entwich.-

Made junior jedoch schlich

hinterdrein, und das war schlecht,

denn schon kam ein bunter Specht

und verschlang die kleine fade

Made ohne Gnade. - Schade.

Hinter eines Baumes Rinde

ruft die Made nach dem Kinde.

12. Kurt Tucholsky: Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

Wenn du am Bahnhof stehst

mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Brauen, Pupillen, die Lider -

Wer war das? Vielleicht dein Lebensglück...

vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst ein Leben lang

auf tausend Straßen;

du siehst auf deinem Gang,

die dich vergaßen.

Ein Auge winkt,

die Seele klingt;

du hasts gefunden,

nur für Sekunden...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupille, die Lider;

Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück...

vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang

durch Städte wandern;

siehst einen Pulsschlag lang

den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,

es kann ein Freund sein,

es kann im Kampfe dein

Genosse sein.

Es sieht hinüber

und zieht vorüber...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupille, die Lider.

Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder.

13. Dietrich Bonhoeffer: Von guten Mächten...

Von guten Mächten wunderbar geborgen

erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Von guten Mächten treu und still umgeben

behütet und getröstet wunderbar,-

so will ich diese Tage mit euch leben

und mit euch gehen in ein neues Jahr;

noch will das alte unsre Herzen quälen,

noch drückt uns böser Tage schwere Last,

Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen

das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern,

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus Deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken

an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,

dann woll'n wir des Vergangenen gedenken,

und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,

die du in unsre Dunkelheit gebracht,

führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!

wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breietet,

so lass uns hören jenen vollen Klang

der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,

all deiner Kinder hohen Lobgesang.

 

14. Johann Wolfgang Goethe: Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!

Es war getan fast eh gedacht;

Der Abend wiegte schon die Erde

Und an den Bergen hing die Nacht

Schon stand im Nebelkleid die Eiche

Ein aufgetürmter Riese, da,

Wo Finsternis aus dem Gesträuche

Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel

Sah kläglich aus dem Duft hervor;

Die Winde schwangen leise Flügel

Umsausten schauerlich mein Ohr

Die Nacht schuf tausend Ungeheuer

Doch frisch und fröhlich war mein Mut

In meinen Adern welches Feuer!

In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich; und die milde Freude

Floss von dem süßen Blick auf mich.

Ganz war mein Herz auf deiner Seite

Und jeder Atemzug für dich.

Ein rosafarbenes Frühlingswetter

Umgab das liebliche Gesicht

Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!

Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch, ach schon mit der Morgensonne

verengt der Abschied mir das Herz

In deinen Küssen welche Wonne!

In deinem Auge welcher Schmerz!

Ich ging und du standst und sahst zu Erden

und sahst mir nach mit nassem Blick

Und doch welch Glück geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!

15. Rainer Maria Rilke: Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde

die Flockenherde wie ein Hirt,

und manche Tanne ahnt, wie balde

sie fromm und lichterheilig wird;

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen

streckt sie die Zweige hin - bereit

und währt dem Wind und wächst entgegen

der einen Nacht der Herrlichkeit.

16. Theodor Fontane: Die Brück' am Tay

"Wann treffen wir drei wieder zusamm'?"

"Um die siebente Stund', am Brückendamm."

"Am Mittelpfeiler."

"Ich lösch die Flamm'."

"Ich mit."

"Ich komme vom Norden her."

"Und ich vom Süden."

"Und ich vom Meer."

"Hei, das gibt ein Ringelreihn,

und die Brücke muss in den Grund hinein."

"Und der Zug, der in die Brücke tritt

um die siebente Stund'?"

"Ei, der muss mit."

"Tand, Tand

ist das Gebilde von Menschenhand."

Auf der Nordseite, das Brückenhaus-

alle Fenster sehen nach Süden aus,

und die Brücknersleut', ohne Rast und Ruh

sehen und warten, ob nicht ein Licht

übers Wasser hin "ich komme" spricht,

"ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,

ich, der Edinburger Zug."

Und der Brückener jetzt:"Ich seh einen Schein

am andern Ufer. Das muss er sein.

Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,

unser Johnie kommt und will seinen Baum,

und was noch am Baume von Lichtern ist,

zünd alles an wie zum heiligen Christ,

der will heuer zweimal mit uns sein,-

und in elf Minuten ist er herein."

Und es war der Zug. Am Süderturm

keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,

und Johnie spricht:"Die Brücke noch!

Aber was tut es, wir zwingen es doch.

Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,

die bleiben Sieger in solchem Kampf,

und wie's auch rast und ringt und rennt,

wir kriegen es unter: das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück';

ich lache, denk ich an früher zurück,

an all den Jammer und all die Not

mit dem elend alten Schifferboot;

wie manche liebe Christfestnacht

hab ich im Fährhaus zugebracht

und sah unsrer Fenster lichten Schein

und zählte und konnte nicht drüben sein."

Auf der Norderseite, das Brückenhaus,-

alle Fenster sehen nach Süden aus,

und die Brücknersleut' ohne Rast und Ruh

und in Bangen sehen nach Süden zu;

denn wütender wurde der Winde Spiel,

denn jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel,

erglüht es in niederschießender Pracht

überm Wasser unten... Und wieder ist Nacht.

"Wann treffen wir drei wieder zusamm'?"

"Um Mitternacht, am Bergeskamm."

"Auf dem hohen Moor, am Erlenstamm."

"Ich komme."

"Ich mit."

"Ich nenn euch die Zahl."

"Und ich die Namen."

"Und ich die Qual."

"Hei!

wie Splitter sprach das Gebälk entzwei."

"Tand, Tand

ist das Gebilde von Menschenhand."

 

17. Gottfried Benn: Schöne Jugend

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,

sah so angeknabbert aus.

Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löcherig.

Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell

fand man ein Nest von jungen Ratten.

Ein kleines Schwesterchen lag tot.

Die anderen lebten von Leber und Niere,

tranken das kalte Blut und hatten

hier eine schöne Jugend verlebt.

Und schön und schnell kam auch ihr Tod:

Man warf sie allesamt ins Wasser.

Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

18. Günter Eich: Inventur

Dies ist meine Mütze,

dies ist mein Mantel,

Hier mein Rasierzeug

Im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:

Mein Teller, mein Becher,

Ich hab in das Weißblech

Den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem

Kostbaren Nagel,

Den vor begehrlichen

Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind

Ein Paar wollene Socken

Und einiges, was ich

Niemand verrate.

So dient es als Kissen

Nachts meinem Kopf.

Die Pappe hier liegt

Zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine

lieb ich am meisten:

Tags schreibt sie mir Verse,

Die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,

Dies ist meine Zeltbahn,

Dies ist mein Handtuch,

Dies ist mein Zwirn.

19. Erich Kästner: Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag

Zweitausend Jahre sind es fast,

seit du die Welt verlassen hast,

du Opferlamm des Lebens!

Du gabst den Armen ihren Gott.

Du littest durch die Reichen Spott.

Du tatest es vergebens!

Du sahst Gewalt und Polizei.

Du wolltest alle Menschen frei

und Frieden auf der Erde.

Du wusstest, wie das Elend tut,

und wolltest alle Menschen gut,

damit es schöner werde!

Du warst ein Revolutionär

und machtest dir das Leben schwer

mit Schiebern und Gelehrten.

Du hast die Freiheit stets beschützt

und doch den Menschen nichts genützt.

Du kamst an die Verkehrten!

Du kämpftest tapfer gegen sie

und gegen Staat und Industrie

und die gesamte Meute.

Bis man an dir, weil nichts verfing,

Justizmord, kurzerhand, beging.

Es war genau wie heute.

Die Menschen werden nicht gescheit,

Am wenigsten die Christenheit,

trotz allem Händefalten.

Du hattest sie vergeblich lieb,

Du starbst umsonst. Und alles blieb

beim Alten.

20. Loriot: Adventsgedicht

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,

Schneeflöckchen leis hernieder sinken.

Auf Edeltännleins grünem Wipfel

häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.

Und dort vom Fenster her durchbricht

den dunklen Tann ein kleines Licht.

Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer

die Försterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschönen Nacht

hat sie den Förster umgebracht.

Er war ihr bei des Heimes Pflege

seit langer Zeit schon sehr im Wege.

So kam sie mit sich überein:

am Niklasabend muss es sein.

Und als das Rehlein ging zur Ruh,

das Häslein tat die Augen zu,

erlegte sie direkt von vorn

den Gatten über Kimm und Korn.

Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase

zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase

und ruhet weiter süß im Dunkeln,

derweil die Sternlein traulich funkeln.

Und in der guten Stube drinnen,

da läuft des Försters Blut von hinnen.

Nun muss die Försterin sich eilen,

den Gatten sauber zu zerteilen.

Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen

nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied

(was der Gemahl bisher vermied!) - ,

behält ein Teil Filet zurück

als festtägliches Bratenstück

und packt zum Schluss, es geht auf vier,

die Reste in Geschenkpapier.

Da tönt's von fern wie Silberschellen,

im Dorfe hört man Hunde bellen.

Wer ist's, der in so tiefer Nacht

im Schnee noch seine Runde macht?

Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten

auf einem Hirsch herangeritten!

"He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,

die armen Menschen Freude machen?"

Des Försters Haus ist tief verschneit,

doch seine Frau steht schon bereit:

"Die sechs Pakete, heil'ger Mann,

ist alles, was ich geben kann."

Die Silberschellen klingen leise,

Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.

Im Försterhaus die Kerze brennt,

ein Sternlein blinkt - es ist Advent.

21. Jonathan Larson: Rent

There's only us

there's only this

forget regrets 

or life is yours to miss

no other road

no other way

no day but today.

 

There's only yes

only tonight

we must let go

to know what's right

no other course

no other way

no day but today

 

I can't control

my destiny

I trust my soul

my only goal

is just to be 

22.

23.

24.


Gratis bloggen bei
myblog.de


Über...
Gästebuch
Kontakt
Archiv
Abonnieren
Adventskalender
History Wunschzettel
Au Pair
Musik
Designed By www.zimmerfrei.de
Menschen StartseiteSkispringen